Der Weg ist das Ziel

Das saß ich nun und wartete in Abu Dhabi auf den nächsten Flieger, dieses Mal wieder in Richtung Manila. Genau drei Monate vorher war ich mit meiner Freundin Bea in Richtung München unterwegs. Wir wurden Zeugen des historischen WM-Spiels, bei denen die Deutschen das brasilianische Team mit 7:1 vom Platz fegten.

Erstaunlich wie schnell drei Monate „Heimaturlaub“ in Europa vergehen können. Seit März 2013 war ich fast 16 Monate auf den philippinischen Inseln unterwegs, um meine zweite Heimat etwas intensiver kennenzulernen. Um herauszufinden wie es sich anfühlt, länger im Ausland zu sein. Ein längerer Rückblick auf diese Zeit steht noch aus.

Ich möchte in diesem Beitrag jedoch vor allem meine Erfahrungen auf dem Jakobsweg ein wenig festhalten. Mein Motto lautete – wie für viele andere Pilger auch: „Der Weg ist das Ziel!“ Das habe ich mir jedenfalls zu Anfang in mein Pilgerbüchleich notiert, welches ich zuvor von meinen lieben Nachbarn erhalten habe. Ich saß neben Bea und schmökerte mal im sehr lesenswerten spirituellen Jakobswegführer von Raimund Joos* (danke an Christian für den tollen Buch-Tipp!), mal richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die vielen Menschen, welche oftmals hastig an uns vorbei huschten.

Wegmarkierung Camino Primitivo

Auf dem Weg von San Sebastian über Oviedo nach Santiago de Compostela

Wie angenehm es doch auf dem Camino war! So ruhig, im eigenen Rhythmus in Richtung Santiago zu marschieren. Der Weg, welcher uns von Irun / San Sebastian aus gen Westen führte, hat mich durchaus inspiriert, und ich werde sicher noch lange von dieser Pilgerreise zehren können. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich so viel Zeit zur Verfügung hatte, um einfach mal fünf Wochen zu wandern. Zu wandeln. Bewusst zu beobachten wie sich Körper und Geist auf den fast 800 km veränderten. Das Leben zu vereinfachen und auf das Wesentliche zu reduzieren.

Unser Alltag gestaltete sich recht simpel: morgens gegen 7 Uhr aufstehen, den ersten guten Kaffee trinken und vielleicht schon ein wenig frühstücken. Die Spanier nehmen morgens ja eher kleinere Happen zu sich, meist süß. Manchmal fanden wir recht früh auch schon eine Bar, die leckere Pintxos / Tapas in der Auswahl hatte. Köstlich.

Meist gingen wir ca. 6 bis 8 Stunden mit ein paar Pausen. Fast täglich hatten wir ein „menu del dia“, das es für durchschnittlich 10 Euro gab – inklusive 2 Gängen, einer Flasche Rotwein für uns zwei, Brot und einem Dessert. Unschlagbar. Gut. Ganz besonders lecker fanden wir immer den hausgemachten „arroz con leche“, Milchreis mit Zimt.

Die Menschen, welchen wir begegnet sind, werden wir lange in Erinnerung behalten. Viele von ihnen waren sehr interessant, und mit manchen konnten wir uns vor allem auf dem Camino Primitivo etwas anfreunden. Ob wir sie jemals wieder sehen werden?

Ich saß in Abu Dhabi und dachte nach über die verschiedenen Möglichkeiten zu reisen. Wie viel mehr man erlebt, er-geht beim Pilgern. Vielleicht genau die richtige Art des Reisens für mich. Die Raumerfahrung bzw. „-erfliegung“ im Flugzeug steht ja in keinem Verhältnis zu dem, was ein Mensch zu Fuß an einem Tag zurücklegen kann. Nach ca. 24 Stunden waren wir in Manila angekommen.

Das Gepäck war bis auf mein Rennrad für den nächsten Triathlon am letzten Flughafen geblieben. Passiert halt. Nach etwas Hektik dann noch einmal in den Flieger nach Cebu. So viel fliegen ist aber sicher nicht so umweltfreundlich, denke ich mir. Vielleicht einmal zu Fuß von München aus auf die Philippinen bzw. zumindest mal nach Hong Kong oder so? Teilstrecken könnte man ja auch mit der transsibirischen Eisenbahn fahren…

In Cebu angekommen werde ich erst einmal für dumm verkauft: der Taxifahrer stellt sich blöd und will uns offenbar nicht zum nahegelegenen italienischen Restaurant bringen. Dann halt nicht, wenn er kein Geld verdienen will. Der nächste fährt uns und erhält ein saftiges Trinkgeld. Nach einem mehr oder weniger guten italienischen Essen, bei dem wir immer wieder an die spanischen Tagesmenüs denken müssen, folgt die letzte Fahrt nach Hause.

Es fängt zu regnen an, stark. Kurz bevor wir unser Haus betreten, heißt es auch schon „brown out“ – Stromausfall. Welcome to the Philippines! Wir duschen im Dunkeln bei Kerzenlicht und fallen totmüde ins Bett. Ohne Aircon oder Ventilator, dafür aber mit einer frischen Brise, die durch das Zimmer weht, während der Regen rhythmisch herunterprasselt.

Auf dem Camino in Spanien hatten wir relativ selten Regen. Angeblich sind durchschnittlich 12 Tage im Monat regnerisch, wobei wir nur an einem Tag so richtig viel abbekommen haben. Dann aber gleich auch noch mit Hagelschauer, der uns blaue Flecken verpasst hat. Ein Tag, der uns und unseren Pilgerfreunden sicher für immer in Erinnerung bleiben wird.

Auf dem Jakobsweg ist mir Einiges klar(er) geworden, z.B., dass ich künftig noch mehr schreiben will. Neulich habe ich unseren ersten Philippinen-Reiseführer herausgegeben, welchen es zunächst als .pdf gibt, bald aber auch als Printversion über Amazon. Ich möchte das Buch ständig erweitern und zu einem zuverlässigen Reisebegleiter machen für Philippinenreisende aller Art.

Überhaupt wird sich auch in nächster Zeit viel hier auf den philippinischen Inseln abspielen: das Projekt Philippinen Tours soll wachsen, und ich möchte unser Netzwerk aus zuverlässigen Partnern ausbauen. Das Feedback dazu motiviert uns sehr und zeigt mir, dass es in die richtige Richtung geht.

Doch im Dezember wird unser Weg zunächst einmal nach Melbourne führen. Vor Ort werde ich dann auf meinen ersten Ironman trainieren, worauf ich im Prinzip schon seit 2010 hinarbeite. 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren gefolgt von 42,2 km Laufen. Am letzten Tag sind wir auf dem Jakobsweg von Ribadiso nach Santiao ungefähr 42 km gegangen, was etwa 9 Stunden mit Pausen gedauert hat – eine wahre Monster-Etappe.

Anfangs hatten wir selbst nach vergleichbar kurzen Etappen von 20 km noch einige Probleme, Schmerzen in den Füßen, Beinen und Schultern. Doch die Grenzen der Belastbarkeit haben sich in den Wochen verschoben, und gegen Ende war selbst die Marathon-Etappe gut machbar. Während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich den Wind, der durch den Raum pfeift, und welcher zur jetzigen Regenzeit etwas stärker ist.

Der Strom ist mittlerweile wieder da, und auch unser Gepäck aus Abu Dhabi soll in Kürze hier sein. Das Internet hat wie gewohnt ein paar Macken, doch daran haben wir uns schon gewöhnt. High-Speed-Internet wird eh überbewertet. Zum Schreiben brauche ich es jedenfalls nicht. Überhaupt braucht man nicht viel, um glücklich und zufrieden zu sein. Das habe ich schon vor dem Jakobsweg gewusst, doch er hat mir das nochmal sehr schön und intensiv vor Augen geführt.

Auf dem Weg sind einige Ziele klarer geworden, und die Ziele bestimmen auch den Weg, der gegangen werden muss. Der Camino ist Teil meines Lebens(weges) geworden, und ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Etappen:D

3 Comments
  1. Hallo John,

    cool, dass ihr wohlbehalten auf der „anderen Seite des Planeten“ angekommen seid.
    Du hast mich übrigens auf die Idee gebracht auch mal einen Triathlon, allerdings über die olympische Distanz zu absolvieren. Also haben wir uns wohl gegenseitig ganz gut ergänzt. 😉

    Viele liebe Grüße aus Berlin

    Christian

  2. Hi Christian,

    ich habe damals mit der Sprintdistanz angefangen und habe mich dann langsam gesteigert. Ich denke, dass Du auf jeden Fall die nötigen „Tugenden“ dafür mitbringst:D Halt mich unbedingt auf dem Laufenden!

    Liebe Grüße aus Cebu

    John

  3. Pingback: 15 Wochen bis zum Ironman Melbourne | Fitness Blog

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