I´m dreaming of a white Christmas…

Es ist ein paar Tage vor Halloween, und ich bin auf dem Weg in Richtung Cebu City. Quäle mich auf meinem Drahtesel durch den absurden Verkehr, atme so viel Feinstaub ein, dass mir die Luft weg bleibt und komme bei ca. 30 Grad und strahlend heißer Tropensonne an einer roten Ampel zu stehen. Dabei ist hier eigtl. gerade Regenzeit angesagt, woran man allerdings nur hin und wieder von Mutter Natur erinnert wird.

Ich zähle die an jeder Kreuzung obligatorischen „Rotsünder“ und denke mir, dass man die Ampeln auch gleich abschalten könnte – einen großen Unterschied würde es nicht machen. Ich lausche den lieblichen Klängen von „I´m dreaming auf a white Christmas“ aus einer notorisch übersteuerten Lautsprecherbox vor irgendeinem Ramschladen. Willkommen zurück in der Vorweihnachtszeit auf den Philippinen, die gefühlte drei Monate dauert.

Ich radle weiter, insgesamt 80 Kilometer bis nach Lugo, und dann wieder zurück bis nach Cordova. Raus aus dem Stadttrubel mit viel Smog, Lärm, zu vielen Autos und Motorrädern. Hoch in den Norden, wo es grün ist, entlang der Ostküste, durch kleinere Ortschaften. Auch hier tummeln sich gefühlt viel zu viele Menschen, es ist immer ein wenig chaotisch, doch lange nicht wie in den Metropolen selbst.

Letzten Monat bin ich zusammen mit meiner Freundin Bea wieder im Herzen der Visayas angekommen, wo ich seit März 2013 hauptsächlich meine Zeit vertreibe – nach einem schönen dreimonatigen „Heimaturlaub in Europa“ mit Biergärten, Treffen mit Familie und Freunden und Wiesn in München sowie einer ersten großartigen Jakobsweg-Erfahrung bzw. -Ergehung über fünf Wochen. Und jetzt das: von weißen Weihnachten träumende Filipinos.

Manchmal denke ich mir ja schon, dass das hier alles ein großer Wahnsinn ist. So manch ein Bekannter ist neidisch darauf, dass ich „das Leben unter Palmen genieße“ und es so richtig schön krachen lasse. Sicher, hin und wieder bin ich auch mal am Strand und schlürfe einen Mango-Shake (Cocktails kann man hier zu 90% vergessen). Aber alles in allem ist das Leben hier auf den Philippinen alles andere als ein Zuckerschlecken. Vor allem in den Städten.

Und dann radle ich wieder auf einer kleinen Insel namens Siargao Island, vorbei an Carabaos, kleinen Hausschweinchen, die im Schlamm spielen und vielen lachenden und grüßenden Menschen. Vorbei an echtem Urwald und viel grüner Landschaft, kein Smog sondern einfaches und sauberes Inselleben. Verkehr gibt es hier praktisch keinen, und auch die Straßen sind relativ gut in Schuss, weil hier nicht andauernd überladene Trucks über den Beton donnern und alles aufbrechen. Dann weiß ich wieder, warum ich auf den Philippinen bin.

Es sind die starken Kontraste, die einen hier wirklich umhauen können. Superarm lebt hier einen Steinwurf entfernt von superreich, in den Städten finden sich die schlimmsten Slums der Welt, wohingegen einige der Inseln wirklich als paradiesisch zu bezeichnen sind. Doch in meiner Zeit hier im Land der 7107 Inseln als Nicht-nur-Tourist-sondern-Expat-auf-Probe sind es dann nach über 1,5 Jahren doch eher die Probleme, die deutlicher werden.

Strukturelle Probleme, Umweltprobleme, viel zu viele Menschen (in den letzten 30 Jahren hat sich die Bevölkerung quasi mehr als „verdoppelt“ und die 100 Millionen Menschen Grenze überschritten), Korruption. Meine Schwester hat in ihrer Bachelor-Arbeit über Dezentralisierung und Armut auf den Philippinen geschrieben, was noch einmal einige Dinge klarer gemacht hat. Ich weiß, dass sich grundlegende Dinge ändern müssen, und mein Ansatz ist nach wie vor die Bildung.

Nur, wenn die Menschen gut ausgebildet werden und auch im Land bleiben, um zu arbeiten, Strukturen aufbauen und als Gesellschaft wachsen, kann es insgesamt „voran“ gehen. Ich bin dabei auch kein naiver Fortschrittsgläubiger sondern stehe eher für die kleinen Verbesserungen, die jedoch allmählich das Leben aller verbessern. Und das fängt oft bei fließendem Wasser an, geht über ausreichend Ernährung hin zu den Schulen, die meist nur mangelhaft ausgestattet sind.

Ich plansche ein wenig im Meer vor General Luna und sehe Kinder am Strand spielen – eigentlich müssten sie jetzt in der Schule sein, denke ich. Vielleicht gibt es hier gar keine Schule oder auch keine Lehrer. Neulich habe ich gelesen, dass die Philippinen mittlerweile neben vielen Seemännern und Krankenschwestern auch Lehrer exportieren, sodass hier ein Mangel an Lehrkräften entsteht. Die philippinische Regierung setzt maßgeblich auf die sogenannten OFWs, die „overseas Filipino workers“, welche im Ausland arbeiten und saftige Devisen in die Heimat schicken. Der Anteil am Bruttosozialprodukt dürfte mittlerweile enorm sein, sodass hier mittlerweile eine große Abhängigkeit von den OWFs herrscht.

General Luna, Siargao Island

Der pazifische Ozean vor General Luna, Siargao Island

Wenn ich es mir recht überlege, dann könnte man ein ganzes Buch damit füllen, indem man nur über die strukturellen Probleme und das Leben auf den Philippinen schreibt. Evtl. ist es ja nach dem Philippinen Tours – Reiseführer das nächste Buch, das ich herausgebe (Arbeitstitel: „Inselwelt Philippinen“). Wer den Reiseführer noch nicht hat, kann ihn z.B. hier auf Amazon bestellen und dann bei einer hoffentlich weißen Weihnacht unter den Christbaum legen. Ein Teil der Einnahmen geht übrigens direkt in unser privates Bildungsprojekt, bei dem wir mittellosen Schülern ein College-Studium ermöglichen – irgendwo muss man ja mal anfangen. Im Kleinen, aber immerhin!

2 Comments
  1. Bin zufällig hier gelandet durch einen Link bei FB. Ich bin seid meinem ersten Besuch 2011 total begeistert von diesem Land. Bisher war ich 2mal auf Bantayan und den umliegenden Inseln. Weiterhin viel Spass auf den Inseln.

  2. Hallo Haiko,

    ja, ich bin auch nach wie vor begeistert, sehe aber auch einige Dinge, die mich nachdenklich stimmen. Hast Du schon eine neue Reise auf die Philippinen geplant?

    Viele Grüße aus Siargao

    John

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